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09 Februar 2007

Was die Kassiererin nicht beachtet

Meine Herausforderung in meinem Unialltag ist eine scheinbar unlösbare. Ich stehe für einen Kaffee und Kuchen an einem kleinen Stand an, wo eine rührige, liebenswerte Frau den ganzen Tag Dienst leistet. Das Ziel besteht darin, das mir auf Ungarisch bedeutet wird, ob ich Milch wolle und wieviel ich zu zahlen habe. Jeden Tag wiederholt sich auf das Neue die gleiche Geschichte.
Ich raffe mich zusammen, und probiere so gut als möglich zu kaschieren, dass ich Ungarisch nicht wirklich beherrsche. Eine Lässigkeit der Aussprache und der Interaktion aufzubauen, ist mein Prinzip.
Nach einer erfolgreichen Anfangsphase in der Landessprache (Milch? grosser Becher? sonst was?), die mir schon fast blindlings gelingt, endet doch jedes Verkaufsgespräch in der Art von "two-hundred-sixty, please". Es ist zum doppelt Aergern. Der innerlich aufgebaute Stolz über die eigene Sprachbeherrschung wird mittels eines dumpfen Tiefschlags zum Verschwinden gebracht. Ironischerweise sind zudem die Zahlen vielleicht das Beste, was ich beherrsche.

Doch vielleicht ist einzusehen, dass das ebenso für die Kassiererin gilt und sie darum mit einer automatischen Tonspur auf Englisch den Preis nennt.

11 Dezember 2006

Fuss fassen (Baustelle)

Es ist tatsächlich schon um halb acht, doch mein Büro ersetzt mir wieder mal den Gang zum Internetcafé, wo in der Box nebenan lautstarke Skype-Gespräche auf Arabisch geführt werden. Ich merke hier einfach, wie abhängig unsere Generation bereits vom Internet ist (oder bin es nur ich?). Jedenfalls ist eine Wohnung ohne Internetanschluss schon stark gewöhnungsbedürftig. Ich habe mal angeregt, dass meine Kontaktstelle hier in Ungarn schauen würde, dass eine Internet-Verbindung doch bitte vor ihren Weihnachtsferien zustande kommt. Ich glaube nicht so daran...
Andererseits bin ich eben diese Woche ganz schön gefordert. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich mich für den Intensivkurs Ungarisch entschieden habe. Seit Donnerstag sitze ich jeden Morgen also für 4 Lektionen in der Schule. Doch der Mut hat sich gelohnt, mitten in den Kurs einzusteigen. Immerhin habe ich wieder Lust bekommen, die Sprache zu lernen. Kurz vor meiner Abreise aus Vác hatte ich eigentlich mit dieser Sprache abgeschlossen und mich angefreundet mit dem Image als ignoranter Expat, zumal da ich ja in der English-spoken Central European University arbeiten würde. Seltsam, scheinbar ist es mit der Sprache wie beim Essen: Manchmal kommt der Appetit erst beim Essen. Hilfe, ist das jetzt Teleologie oder was?
Ok, ich drifte ab. Es gibt also viel zu büffeln und nachmittags bin ich an der Uni, wo ich meine Arbeitskollegen und auch allgemein die Stimmung mag. Es laufen jedenfalls viele Veranstaltungen, besonders auch im Bereich der Internationalen Beziehungen.
Sonst versuche ich die Kulturclubs hier abzuchecken, so dass ich ab Weihanchten auch als Reiseführer etwas tauge. Zu berichten gibt es vorerst nur: Ein guter Ort Leute kennenzulernen ist und bleibt der Töggelitisch.

PS: In der rechten Spalte findet Ihr meine Kontaktdetails. Ich freue mich auf jede Meldung.

20 November 2006

Gender in Ungarn

Poah, eigentlich sollte heute ja mein zweiter Tag sein, an dem ich das Donauknie erkunde. Doch ich brech erst in einer Stunde nach Esztergom auf, da es gestern doch ziemlich spät wurde.
Nachdem ich in den letzten beiden Wochen vergeblich versucht habe, irgendeine kulturelle Veranstaltung hier in der Stadt vorzufinden, sagte ich mir: "Hey, jetzt ist Samstag abend, jetzt geht es in einen richtigen Tanzschuppen mit Leuten, Betrunkenheit und Gender Thematik."
Nun, der Club "Mouseoleum" war das Ziel (der Programmpunkt am 24.11. klingt ziemlich funktional: "Laptop Dj"). Erste Kontrolle, Zeitpunkt: Ich kam gegen 23 Uhr an, und die Räume waren schon recht mit Männlein und Weibchen gefüllt. Nur das was ich fälschlicherweise als einzigen Tanzraum begriff, war leer [von aussen hineinblickend] bzw. von einem knutschenden Paar belegt [nach dem Hineingehen].
Normalerweise tickt die gesellschaftliche Uhr schneller in Ungarn. Ich meine damit, dass du als 25-jährige Frau mindestens ein Kind hast, das mindestens 5 Jahre alt ist. Als 30-Jähriger werde ich natürlich gefragt, ob ich Kinder habe (was mir in der Schweiz noch nie passiert ist). Ich erwartete also einen Ansturm von jungen Mädels und Typen. Dass der Club erst als zugänglich ab 18 Jahren angepriesen wurde, liess mich hoffen, dass mir wenigstens die ärgste Teenager-Flut erspart bleibt.
Aber was sah ich da? Ein buntes Miteinander von 20 bis 35-Jährigen. Elternausgang? Vielleicht, denn die meisten Leute kamen in kleineren Gruppen.

Die Forschungsresultate in Kurzform:

Die Ungarin
mag: hautenge Oberteile, tiefe Ausschnitte, Hosen, ab und zu blondiert, rauchend
mag nicht: Bauchfrei, Tanga herausschauend, Röcke

Der Ungar
macht: gewinnt gegen mich im Töggelen, hängt mit Kumpels herum, wünscht mir auf englisch "Have a great party"

Der Hintergrund
Angekündigt war ein Best of von ungarischen Dancesongs. Sie haben es fertig gebracht, sogar die Qualität der rumänischen Sommerhits zu unterbieten, was ich vorher als absoluten Massstab betrachtet habe.

Das Zusammenspiel der Geschlechter
Man hat Spass miteinander, tanzt (auch die Männer), raucht und trinkt viel. Angesprochen werden nur Frauen, die man von früher kannte (Freundesfreundebekannte), ausser man hat zu viel getrunken, was aber ein Einzelfall ist (Klarstellung: das ist nicht der Berichterstatter). Franziska würde das wohl, als typische lockere Stimmung in Weinfelden beschreiben.

Konklusion
Niemals einen White Russian im Mouseoleum bestellen. Nach einer minütigen Erklärung kriegst du Wodka + Baileys + Kaffeerahm. Egészségedre! (Ägeschegädrä ausgesprochen, Prost)

05 November 2006

Akustisches und Visuelles

Spannend im Osten Europas sind auch die anderen Gebräuchlichkeiten. Was top aktuell in öffentlichen Einrichtugen ist, ist die hochbeschallte 80er Jahre Musik. Heute im Hallenbad (saugut bei diesem Sauwetter; es windet einem fast die Donau davon) konnte ich meine Längen (sonst gibts nichts zu tun) zu Modern Talkings "Geronimo's Cadillac" ziehen. Super, nicht?
Einen Monat in diesem Städtchen (30'000 Einwohner) werden mir wohl reichen. Samstag abends auf dem Stadtplatz siehts aus wie früher samstags in Winterthur, nämlich leer. Das einzige Kino hat bereits das ganze Programm für den November herausgegeben. Bis 13. gibts nur Ungarisches, dann folgt World Trade Center, und dann erst Volver. Vielleicht ist ja der Animationsfilm Nadyon Vadon (big wildlife) auch von den Bildern her lustig. Der Film kommt bereits am 9. November.
Überhaupt was die Sprache angeht, grausame Konzentrationssache ist das: Nur das "é" ist eigentlich ein "e", während sie unser "ä" als "e" schreiben. Zudem ist auch nur das "á" (wie in Vác) unserem "a" vergleichbar. Das ungarische "a" ist wieder wie das "a" in Washington, also zwischen "a" und "o". Kurz: ein Chrüsimüsi.