23 November 2006
Ganz nah bei der politischen Macht
Nachdem ich vom Bruder meiner Arbeitskollegin im Bürgerhaus empfangen wurde, wurde ich sofort in die Ausstellung begleitet. Aufgeplatzte Lider, grössere Wunden an Rücken von Gummigeschossen und Nahaufnahmen von nicht gekennzeichneten, vermummten Polizisten (was gemäss ungarischem Gesetz nur im Kampf gegen den Terrorismus erlaubt ist). Bilder also von der Strassenschlacht (ich habe dazu auch den Link bekommen).
Ich stelle es mir ungemein anstrengend vor, dass noch unbeeinflusste Leute hier in dieser angespannten politischen Lage sich ein neutrales Bild machen können. Wenn zwei Stimmen schreien, glaubt man zuletzt doch keiner! Jedenfalls hielt sich beim Abschreiten der Schreckensbilder mein Mitgefühl in Grenzen, stattdessen war ich mir mehr der manipulativen Geste bewusst.
(Nachtrag vom 24.11.06: Ein guter Abriss der aktuellen politischen Verhältnisse in Ungarn liefert ein NZZ-Artikel)
Ich habe in der Diskussion mit dem Fidesz-Anhänger jedoch einiges erfahren, nicht zuletzt zum immer wieder präsenten Thema der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern. (ich habe hier gutes Kartenmaterial, wenn es jemanden näher interessiert).
Doch spannend war für mich auch ein Punkt, der während des Politologie-Studiums ab und an Thema war: Die verschiedenen Konfliktlinien (Cleavages) innerhalb eines Landes. In der Schweiz gibt es anhand der Abstimmungen der letzten 20 Jahre drei Spaltugen: wirtschaftlich, gesellschaftlich und ökologisch (gemäss Herrmann/Leuthold). Die Parteien haben sich vorwiegend nach den beiden ersten Faktoren aufgestellt.
In Ungarn sollte man zuallererst die Bezeichnungen der Parteien vergessen, das verwirrt nur. Die Sozialisten (unter Gyurcsany) sind für Marktliberalisierungen, möchten sich möglichst gut mit der EU stellen und sind gesellschaftlich liberal (z.B, Abtreibungsbefürwortung). Die Fidesz wollen den Markt nur gezielt öffnen, insbesondere gegenüber den EU-Partnern sind sie vorsichtig. Sie sind nationalistisch in dem Sinne, dass sie sich um die ungarischen Minderheiten im Ausland kümmern. Zudem sind sie gesellschaftlich konservativ.
Die Konfliktlinien der Schweiz kann man also nicht entsprechend verwenden. Zudem hat die gesellschaftliche Polarisierung weniger Relevanz.
Was das Äusserliche anbetrifft: Es war doch irgendwie seltsam, welchen normalen, ja geradezu banalen Eindruck die Einrichtugen und auch die Mitarbeiter hinterliessen. Vom Arbeitsklima und einer gewissen Ideologie-Gläubigkeit her, unterscheidet sich das Parteibüro nicht gross vom Umwelt-NGO.
21 November 2006
Dunakanyar, die Zweite
Hier nochmals das Donauknie in Realität. Mit dem Zug bin ich nun mal auf der Nordseite der Donau nach Sturovo/Parkany (slk./ung.) gefahren, gleich gegenüber Esztergom. Die Fahrt auf dieser ungefähr 60 km langen Strecke von Vác in die Slowakei zeigte mir exemplarisch die Verhältnisse von Ungarn zu seinen Nachbarn auf.Nachdem ich den Morgenzug am Sonntag verschlafen habe, fuhr der erste Zug am Nachmittag erst wieder um 14 Uhr (zum Vergleich: zum Grenzstädtchen Szob gibt es eine stündliche Verbindung). Nun, ich erreichte ebenfalls Szob, wo bis auf eine Handvoll Leute alle ausstiegen. In Sturovo angekommen, war die Sprachverwirrung offensichtlich. Während alles Schriftliche auf Slowakisch war, hörte ich weiterhin um mich Ungarisch. Sogar der Zöllner hat nach dem slowakischen Gruss sofort die ungarische Wendung "Jo napot" angefügt, als ich nicht reagiert habe. Nach einer Recherche später: Es leben knapp 69% Ungaren und nur 28% Slowaken in Sturovo. Doch die einzige sichtbare offizielle Sprache ist Slowakisch! Trotz der auf politischen Absichtserklärungen gut klingenden Zusammenarbeit der "Visegrad-Gruppe", herrscht eher eine starke Zurückhaltung.
Man stelle sich vor: Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es zwischen Schaffhausen und Basel gerade zwei Rheinbrücken. Es gab mal eine Dritte, doch die ist zerstört worden. Deutschland und die Schweiz finden zögernd, eine dritte Brücke wäre sinnvoll, und zusammen mit zusätzlichen EU-Geldern wird die neue Brücke 2002 eingeweiht.
Natürlich handelt es sich hier um die Slowakei und Ungarn. Die Maria-Valeria-Brücke (unverfänglich für jeglichen Nationalismus) seht ihr auf dem Bild.
[und ich musste auch zuerst nachschauen. Die Slowaken nennen sich tatsächlich selbst "Slovenska Republika"]
Hier der Blick von der Brücke zum Esztergomer Dom.
Eine gehörige Portion Machtdemonstration ist das! Jedenfalls ist hier der wichtigste Katholik Ungarns zuhause. Und das seit 1000 Jahren.

Hier seht ihr die Statue der geduldigen Digitalkamera-Fotografin. Rechts davon ein älteres, grösseres Exemplar.
Da die direkten Verkehrsverbindungen nach Vác wegen Grenze und unumgänglichen Flussüberquerungen eingeschränkt sind, bin ich dann sowohl Samstag als auch Sonntag via Budapest gereist. Ich freue mich wirklich riesig auf den nächsten Monat in Budapest!
