28 November 2006

Kleinigkeiten (Wochengulasch Nr. 3)

Schon ist die letzte Woche in Vác angebrochen. Am Arbeitsplatz läuft entweder überhaupt nichts oder alles drunter und drüber. Ich kann noch nicht abschätzen, wie elegant sich der Abschluss hier gestaltet. Aber es ist Zeit einmal auch den kleinen Dingen ein wenig Platz einzuräumen.

Es war der erste Eindruck, und es wird der auch der letzte sein: Die Verlorenheit auf dem örtlichen Bahnhof. Die Weite. Kleines gelbes Gebäude, dass mich irgendwie an die Prärie erinnert.


Haben die Ungaren etwa eine Special Relationship zu Iran? Jedenfalls konnte ich Datteln daher erstehen. Leider waren die nordkoreanischen Kürbisse bereits ausverkauft.

Von meinem Bekannten Balasz wurde ich netterweise zu einer Mineralien- und Bonsaisammlerbörse mitgenommen. Das Ganze fand in einem Gemeinschaftszentrum statt. Die Bonsais waren die Bewunderten, während im Hintergrund die Geschäfte mit den Mineralien gemacht wurden. Balasz kaufte dann auch für das Heidengeld von 500 Franken einen 50 Kilogramm Klumpen aus ...nit (bitte Phantasie oder Lateinkenntnisse benutzen)


Jö, ein kleiner Nadelbaum.



Scheinbar windet es bei den Bonsai-Gärtnern (oder vielleicht eher Züchtern?) die ganze Zeit. Wieder so ein verbogenes Exemplar.
Nein, natürlich konnte man sehr gut die angesetzten Metallstränge an den vorderen Ästchen sehen, welche die Zweige in eine Richtung wachsen lassen.

23 November 2006

Ganz nah bei der politischen Macht

Man bekommt nicht alle Tage Gelegenheit, in ein wichtiges Institut einer grossen Partei eingeladen zu werden. Der Bruder einer Göncöl-Mitarbeiterin ist beim sogenannten Bürgerhaus, einer Kultur- und Begegnungsstätte der Oppositionspartei Fidesz angestellt. Zusammengerafft die Positionen hier im Land: Die Sozialisten regieren das Land seit 6 Jahren, glaube ich. Seit zwei Jahren ist der berüchtigte Premierminister Gyurcsany an der Macht, der nach dem Wahlerfolg im Frühling in einer geheimen Rede erklärt hat, dass er das Volk angelogen habe. Seitdem sind sich die beiden grossen Parteien noch mehr Spinnefeind. Die Oppostitionspartei Fidesz um Vorsteher Victor Orban war massgeblich beteiligt, Volksdemonstrationen gegenüber der Lügenrede Gyurcsanys in Gang zu setzen, nicht zuletzt am Gedenktag zum Beginn des Ungarn-Aufstands 1956. An der darauffolgenden Strassenschlacht zwischen Demonstranten und Polizisten wurden schätzungsweise 200 Leute verletzt.
Nachdem ich vom Bruder meiner Arbeitskollegin im Bürgerhaus empfangen wurde, wurde ich sofort in die Ausstellung begleitet. Aufgeplatzte Lider, grössere Wunden an Rücken von Gummigeschossen und Nahaufnahmen von nicht gekennzeichneten, vermummten Polizisten (was gemäss ungarischem Gesetz nur im Kampf gegen den Terrorismus erlaubt ist). Bilder also von der Strassenschlacht (ich habe dazu auch den Link bekommen).
Ich stelle es mir ungemein anstrengend vor, dass noch unbeeinflusste Leute hier in dieser angespannten politischen Lage sich ein neutrales Bild machen können. Wenn zwei Stimmen schreien, glaubt man zuletzt doch keiner! Jedenfalls hielt sich beim Abschreiten der Schreckensbilder mein Mitgefühl in Grenzen, stattdessen war ich mir mehr der manipulativen Geste bewusst.
(Nachtrag vom 24.11.06: Ein guter Abriss der aktuellen politischen Verhältnisse in Ungarn liefert ein NZZ-Artikel)

Ich habe in der Diskussion mit dem Fidesz-Anhänger jedoch einiges erfahren, nicht zuletzt zum immer wieder präsenten Thema der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern. (ich habe hier gutes Kartenmaterial, wenn es jemanden näher interessiert).
Doch spannend war für mich auch ein Punkt, der während des Politologie-Studiums ab und an Thema war: Die verschiedenen Konfliktlinien (Cleavages) innerhalb eines Landes. In der Schweiz gibt es anhand der Abstimmungen der letzten 20 Jahre drei Spaltugen: wirtschaftlich, gesellschaftlich und ökologisch (gemäss Herrmann/Leuthold). Die Parteien haben sich vorwiegend nach den beiden ersten Faktoren aufgestellt.
In Ungarn sollte man zuallererst die Bezeichnungen der Parteien vergessen, das verwirrt nur. Die Sozialisten (unter Gyurcsany) sind für Marktliberalisierungen, möchten sich möglichst gut mit der EU stellen und sind gesellschaftlich liberal (z.B, Abtreibungsbefürwortung). Die Fidesz wollen den Markt nur gezielt öffnen, insbesondere gegenüber den EU-Partnern sind sie vorsichtig. Sie sind nationalistisch in dem Sinne, dass sie sich um die ungarischen Minderheiten im Ausland kümmern. Zudem sind sie gesellschaftlich konservativ.
Die Konfliktlinien der Schweiz kann man also nicht entsprechend verwenden. Zudem hat die gesellschaftliche Polarisierung weniger Relevanz.

Was das Äusserliche anbetrifft: Es war doch irgendwie seltsam, welchen normalen, ja geradezu banalen Eindruck die Einrichtugen und auch die Mitarbeiter hinterliessen. Vom Arbeitsklima und einer gewissen Ideologie-Gläubigkeit her, unterscheidet sich das Parteibüro nicht gross vom Umwelt-NGO.

21 November 2006

Dunakanyar, die Zweite

Hier nochmals das Donauknie in Realität. Mit dem Zug bin ich nun mal auf der Nordseite der Donau nach Sturovo/Parkany (slk./ung.) gefahren, gleich gegenüber Esztergom. Die Fahrt auf dieser ungefähr 60 km langen Strecke von Vác in die Slowakei zeigte mir exemplarisch die Verhältnisse von Ungarn zu seinen Nachbarn auf.

Nachdem ich den Morgenzug am Sonntag verschlafen habe, fuhr der erste Zug am Nachmittag erst wieder um 14 Uhr (zum Vergleich: zum Grenzstädtchen Szob gibt es eine stündliche Verbindung). Nun, ich erreichte ebenfalls Szob, wo bis auf eine Handvoll Leute alle ausstiegen. In Sturovo angekommen, war die Sprachverwirrung offensichtlich. Während alles Schriftliche auf Slowakisch war, hörte ich weiterhin um mich Ungarisch. Sogar der Zöllner hat nach dem slowakischen Gruss sofort die ungarische Wendung "Jo napot" angefügt, als ich nicht reagiert habe. Nach einer Recherche später: Es leben knapp 69% Ungaren und nur 28% Slowaken in Sturovo. Doch die einzige sichtbare offizielle Sprache ist Slowakisch! Trotz der auf politischen Absichtserklärungen gut klingenden Zusammenarbeit der "Visegrad-Gruppe", herrscht eher eine starke Zurückhaltung.




Man stelle sich vor: Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es zwischen Schaffhausen und Basel gerade zwei Rheinbrücken. Es gab mal eine Dritte, doch die ist zerstört worden. Deutschland und die Schweiz finden zögernd, eine dritte Brücke wäre sinnvoll, und zusammen mit zusätzlichen EU-Geldern wird die neue Brücke 2002 eingeweiht.
Natürlich handelt es sich hier um die Slowakei und Ungarn. Die Maria-Valeria-Brücke (unverfänglich für jeglichen Nationalismus) seht ihr auf dem Bild.
[und ich musste auch zuerst nachschauen. Die Slowaken nennen sich tatsächlich selbst "Slovenska Republika"]




Hier der Blick von der Brücke zum Esztergomer Dom.
Eine gehörige Portion Machtdemonstration ist das! Jedenfalls ist hier der wichtigste Katholik Ungarns zuhause. Und das seit 1000 Jahren.




Hier seht ihr die Statue der geduldigen Digitalkamera-Fotografin. Rechts davon ein älteres, grösseres Exemplar.


Da die direkten Verkehrsverbindungen nach Vác wegen Grenze und unumgänglichen Flussüberquerungen eingeschränkt sind, bin ich dann sowohl Samstag als auch Sonntag via Budapest gereist. Ich freue mich wirklich riesig auf den nächsten Monat in Budapest!


20 November 2006

Dunakanyar (danube bend, Donauknie)

Am Wochenende habe ich mir das Donauknie vorgenommen. Vác liegt in der Karte rechts oben. Gerade westlich liegt die langgezogene Donauinsel Szentendre. Westlich davon in der stärksten Biegung liegt Visegrad (hallo Politologen!). Die ganze Strecke wird mit der Bischofsstadt Esztergom an der slowakischen Grenze abgeschlossen.
Von Vác aus gab es schon die ersten Minis. Später auf der Insel sah ich das Treffen der kleinen Engländer bei einem Holzkreuz am Strassenrand, beschrieben mit "Mini".
Endlich mal übersetzen auf die andere Seite, auf welche ich jetzt schon 2 Wochen geguckt habe.
An der nördlichen Spitze läuft die Insel in eine schöne Naturlandschaft aus. Etwas für Sonntagnachmittage zu zweit. Links thront die Burg von Visegrad.
Hinüber auf die Visegrad-Seite, diesmal mit einem bescheideneren Verkehrsmittel



Wer hat's denn gesagt?! Nach meinem Start im Winter geht's zurück in den Herbst. Schöne Eichenwälder. Und wie die dufteten! [Schwelg]


Ha, im Lonely Planet war gestanden, es sei sehr steil und nur für geübte Wanderer. Ich dachte, die Aussies müssen einem Schweizer doch nichts vormachen, den Hügel nehme ich doch mit links. Richtig war: es war sehr steil!


Dafür gabs dann auch was zu sehen. Hier wieder das Donauknie um Visegrad.
Schon wie eine richtige Jurawanderung fühlte sich das alles an. Inklusive lustiger Felsformationen.
Nochmals vom Herbst profitiert! Am nächsten Tag ging es von der Natur ins Kulturelle (siehe Teil 2).

Gender in Ungarn

Poah, eigentlich sollte heute ja mein zweiter Tag sein, an dem ich das Donauknie erkunde. Doch ich brech erst in einer Stunde nach Esztergom auf, da es gestern doch ziemlich spät wurde.
Nachdem ich in den letzten beiden Wochen vergeblich versucht habe, irgendeine kulturelle Veranstaltung hier in der Stadt vorzufinden, sagte ich mir: "Hey, jetzt ist Samstag abend, jetzt geht es in einen richtigen Tanzschuppen mit Leuten, Betrunkenheit und Gender Thematik."
Nun, der Club "Mouseoleum" war das Ziel (der Programmpunkt am 24.11. klingt ziemlich funktional: "Laptop Dj"). Erste Kontrolle, Zeitpunkt: Ich kam gegen 23 Uhr an, und die Räume waren schon recht mit Männlein und Weibchen gefüllt. Nur das was ich fälschlicherweise als einzigen Tanzraum begriff, war leer [von aussen hineinblickend] bzw. von einem knutschenden Paar belegt [nach dem Hineingehen].
Normalerweise tickt die gesellschaftliche Uhr schneller in Ungarn. Ich meine damit, dass du als 25-jährige Frau mindestens ein Kind hast, das mindestens 5 Jahre alt ist. Als 30-Jähriger werde ich natürlich gefragt, ob ich Kinder habe (was mir in der Schweiz noch nie passiert ist). Ich erwartete also einen Ansturm von jungen Mädels und Typen. Dass der Club erst als zugänglich ab 18 Jahren angepriesen wurde, liess mich hoffen, dass mir wenigstens die ärgste Teenager-Flut erspart bleibt.
Aber was sah ich da? Ein buntes Miteinander von 20 bis 35-Jährigen. Elternausgang? Vielleicht, denn die meisten Leute kamen in kleineren Gruppen.

Die Forschungsresultate in Kurzform:

Die Ungarin
mag: hautenge Oberteile, tiefe Ausschnitte, Hosen, ab und zu blondiert, rauchend
mag nicht: Bauchfrei, Tanga herausschauend, Röcke

Der Ungar
macht: gewinnt gegen mich im Töggelen, hängt mit Kumpels herum, wünscht mir auf englisch "Have a great party"

Der Hintergrund
Angekündigt war ein Best of von ungarischen Dancesongs. Sie haben es fertig gebracht, sogar die Qualität der rumänischen Sommerhits zu unterbieten, was ich vorher als absoluten Massstab betrachtet habe.

Das Zusammenspiel der Geschlechter
Man hat Spass miteinander, tanzt (auch die Männer), raucht und trinkt viel. Angesprochen werden nur Frauen, die man von früher kannte (Freundesfreundebekannte), ausser man hat zu viel getrunken, was aber ein Einzelfall ist (Klarstellung: das ist nicht der Berichterstatter). Franziska würde das wohl, als typische lockere Stimmung in Weinfelden beschreiben.

Konklusion
Niemals einen White Russian im Mouseoleum bestellen. Nach einer minütigen Erklärung kriegst du Wodka + Baileys + Kaffeerahm. Egészségedre! (Ägeschegädrä ausgesprochen, Prost)