21 Dezember 2007

Grenzen öffnen sich

Heute wurden die Grenzkontrollen zwischen acht mittel- bzw. osteuropäischen Staaten und zu ihren westlichen Anrainern aufgehoben. Das Schengen-Projekt beinhaltet zwei Prozesse: die Liberaliserung innen und die Verfestigung gegen aussen. Für traditionelle Nachbarschaften, die historisch einen langen Umgang miteinander haben, bedeutet das eine zusätzliche Erschwernis. Beispiele sind die slowenisch-kroatische Grenze, die Grenze von Ungarn zur Vojvodina (Serbien), in der viele Ungarisch-Stämmige leben oder die Grenzregion Narva-Ivangorod (Estland-Russland).
Vor zwei Wochen zeigte mir Thorsten, ein Berliner Bekannter, ein Video zum Mauerfall. Schade, dass wir in der Schweiz, diese emotionalen Geschehnisse nicht in diesem Ausmasse mitverfolgen konnten. Das hat bei mir sicher auch mit dem Alter zu tun. Ich war 13, und ging noch zur Primarschule in einem kleinen Dorf. Bewusst kriegte ich damals davon nichts mit.
Hier also ein Zeitzeugnis, bei dem damals nur Grenzen fielen, ohne dass neue aufgestellt wurden.

13 Dezember 2007

Die symbolische Macht zwischen den Generationen

Die Begebenheiten im Herkunftsland bringen eine neue Spannung mit sich, wenn ein Beobachter mit anderen, fremden Umständen vertraut geworden ist.
Natürlich war es nachrichtenmässig sehr spannend, gerade in diesen Tagen in die Schweiz zurückzukehren. Die Mitte-Links Parteien des Parlaments haben den rechtsnationalen Minister Blocher aus der Regierung gedrängt und ihn mit einer unbekannten Frau einer Kantonsregierung ersetzt. Die Parteizugehörigkeit ist diesselbe, jedoch vertritt sie gemässigtere Ansichten in der Ausländerpolitik. Die Entwicklung kann auf den einschlägigen Nachrichtenportalen weiter verfolgt werden.
Aufschlussreich war eine Diskussionssendung im ersten Kanal des Schweizer Fernsehens eine Nacht vor diesem Umsturz. Eingeladen wurde in gut schweizerischer paritätischer Manier. Zwei ältere Herren (beide langjährige Parlamentarier), zwei Mitvierziger (Chefredaktor der einflussreichsten bürgerlichen Wochenzeitschrift und eine Politologin) sowie zwei Twenty-somethings (Jungpolitiker der Volkspartei und ein politischer Dialektrapper). Solche Diskussionsplattformen werden immer zu Stellungsabgaben gebraucht, und am Ende geht es darum, wer der symbolische - und leider nicht rhetorische - Sieger ist.
Das vorherrschende Prinzip heisst dabei Seniorität. Natürlich hatten die beiden Altpolitiker einen umfassenden Erfahrungsschatz. Gilt also immer die Priorität, lange zurückliegende Episoden erzählen zu dürfen? Die Senioren bestanden darauf, und widersetzten sich, wenn die Jüngeren sich mitteilen wollten. Die nächst untere Generation der Übervierzigjährigen wiederholte das Prinzip gegen die ganz Jungen. Sprach der Chefredaktor jemanden an, so sicherlich nicht den Jungpolitiker und den Rapper.
Was hier zum Ausdruck kommt, ist die noch verbreitete Vorstellung des Anstands, welches dem Alter gebührt werden muss. In Estland wären die Rollen vertauscht gewesen. Die beiden Jungen wären Minister und rappender Leiter einer grossen Forschungsabteilung. Man gewährte ihnen dank ihrer Positionen, aber auch wegen ihrem frischen Elan Respekt. Die Senioren müssten sich dagegen mit einer Nebenrolle begnügen.
Die einmalige Chance, die Estland ab 1991 nutzte, das Machtgefüge unter den Generationen umzukrempeln, konnte nur durch die einschneidende Revolution erfolgen. In normalerweise schrittweise sich entwickelnden Gesellschaften exisitiert die Norm der Trägheit. Die dem Rentneralter zusteurenden Politiker in der Schweiz möchten darum jetzt auch die Früchte einfahren. Lange genug mussten sie selbst warten.

01 Dezember 2007

Aargh...die Kommentarfunktion zu meinem Artikel

Während ich diese Zeilen schreibe, wird gerade über mein Schicksal abgestimmt. Ich glaube ich muss nicht nach Sibirien, denn es gibt nicht nur ausschliesslich Positivsaldi der an mich vergebenen Punkte, sondern es werden in letzter Zeit auch absolut höhere Punktzahlen auf der Daumen nach oben-Seite ausgeteilt. Letzthin bekam ich 30 Pluspunkte und nur 4 Minus!

Sich selbst googlen war gestern, heute gilt es sich den Leserbewertungen zu stellen. Am besten in der verschärften Version, das ist in einer für den Autoren nicht zugänglichen Sprache. Oder wie war das nochmals mit den Scheinprozessen?

25 November 2007

Estländer bloggen

Einer der wichtigsten Ingredienzen für ein gelingendes Verfassen von Texten besteht aus der Recherche, und dort ist die Qualität der Quellen entscheidend. Eine Sorte von Quellen verweist auf gute Studien, eine andere auf Meinungsartikel und dann gibt es einfach die für sich anregenden Blogs. Seit ich ab dem Frühjahr Estland wieder verstärkt verfolge, komme ich immer wieder an zwei lokalen, englischsprachigen Webinformanten vorbei.

Itching for Eestimaa (Autor: Giustino)
Lebhaftes Verfolgen diverser Events im kulturellen, geschichtlichen und politischen Bereich. Die Artikel brauchen gelegentlich Wissen lokaler Begriffe und Gegebenheiten. Giustino setzt den Akzent unter anderem auf Fragen der Identität der Esten und der Russischsprechenden sowie von Estland als Staat. Legendäre Follow-up Diskussionen an diese Posts.
Engagiert, pointiert und ausdrucksstark (sattelfest in Ironie).

Beispiel: Aus dem Post zur Reaktion der westlichen Staaten zu einem möglichen Unabhängigwerden des Kosovo
Other European countries like Sweden are miffed at the idea of another Balkan country emerging that will vote for their neighbors in the Eurovision Song Contest, meaning that the contest will be held somewhere between Athens and Vienna for the rest of its existence.

Mehr unter dieser Adresse.

Ein beliebter Diskussionspartner auf Giustinos Blog ist Flasher T, der einen ähnlich relevanten Blog zu Estland führt:
Antyx
Kenner von wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Vertritt pointierte Meinungen zu Estlands Politik, auch in der Thematik mit den Russischsprachigen. Trotzdem immer differenziert. Flasher T's Spezialität: Alle Posts, die mit der Frage "Are you scared yet?" enden, belegen die wackeligen demokratischen Verhältnisse in Russland.
Zur bevorstehenden Parlamentswahl in Russland ergibt das eine nachdenkliche Stimmung.
Bemerkenswert dazu dieser Post.

21 November 2007

NZZ Artikel "Pragmatischere Integrationspolitik in Estland"

In eigener Sache: die Neue Zürcher Zeitung hat heute auf Seite 7 meinen Artikel zur Integration der russischsprachigen Esten abgedruckt.
Leider habe ich noch keinen stabilen Link bekommen, es scheint mir sowieso, dass er nicht via NZZ Online erreichbar ist.
Für Nicht-Abonnenten der NZZ und ausserhalb der Schweiz Sesshafte kann ich auch den pdf-Artikel schicken. Einfach bei mir melden.

17 November 2007

Der höchste Fernsehturm Nordeuropas geht in Pension



Mami, was hat denn der Baum für ein komisches Nest drauf?



Auf 170 Meter Höhe (der ganze Turm misst 314 Meter) fällt vor allem die stadtplanerischen Fantasien der Sowjets auf. Die Plattenbausiedlung Lasnamäe wurde in den 1970er Jahren gebaut und ist heute Zuhause von 160'000 vorwiegend russischsprachigen Einwohnern.

Während in der Siedlungsbebauung geklotzt wurde, entstanden neue architektonische Details vorwiegend ums Jahr 1980, als Tallinn den Segelwettbewerb der Moskauer Olympischen Spiele austrug. Neben dem Olümpia Hotel, dem Veranstaltungszentrum Linnahall und dem Yachthafen in Pirita, gehört dazu eben auch der Fernsehturm.



Am 26. November wird im Turm aus Sicherheitsgründen die Besucherplatform und das Restaurant geschlossen. Gelegenheit für den Last Supper.



und ich hab nachgezählt, es sind zwölf!



Die Speisekarte ist grafisch nicht ganz ohne. Der Stil wurde bei den Postkarten und den Feuerzeugen dann aber nicht weiter angewendet.



Ein wichtiger Grund warum die Esten den Turm nicht mögen, ist dessen Standortgeschichte. An den Tagen des Augustputsches gegen Gorbatschow (19.-21.8.1991) war er besetzt.
Im Gegensatz zu den Ereignissen um den Vilniuser Fernsehtrum gab es hier keine Todesopfer.



Was sind eigentlich 16 Jahre?



Tschüssi Teletorn. Bald nur noch für die Telekommunikation nützlich.

16 November 2007

Schweizer Grafik ...existiert sie?



Man geht ins Ausland, um ... das Herkunftsland besser kennenzulernen. Das geschieht aber völlig unbeabsichtigt. Am Dienstag nach längerer Auszeit (Riga, Artikelversand, Vilnius, Erkältung) will ich mein Konzept für die nächsten Wochen planen. Im Schweizer Lesesaal der Nationalbibliothek, wo ich mich häufig aufhalte, sind drei junge Typen und versuchen scheinbar gezielt, etwas über die Schweiz herauszufinden. Jedenfalls fragen sie nach der Kontaktadresse der schweiz-baltischen Handelskammer. Ich werde hellhörig und frage kurz nach. Bald sitze ich mit den dreien im Café der Bibliothek und beantworte fleissig Fragen. Ihre Aufgabe besteht darin, das Bild der Schweiz in Estland darzustellen. Ein Zufall vielleicht, hat mich doch im Post vom 31.10. genau die gleiche Absicht geleitet?
Nicht ganz, ihre Aufgabe bekamen sie von den beiden Schweizer Grafikern, die abends die Schweizer Designwochen (siehe obiges Plakat) mit einem Vortrag beschliesen. Ich habe alle bisherigen öffentlichen Veranstaltungen besucht und viel über ein mir wenig bekanntes Schaffen gelernt. Z.B. auch dass die Grafiker entweder nur für die Werbung oder nur für Kulturprojekte arbeiten.
Da mir die drei jungen estnischen Grafikstudenten erklären, ihre Arbeit solle in der Schweiz um die Weihnachtszeit ausgestellt werden, sie mir jedoch keine genaueren Angaben machen können, frage ich die beiden Vortragenden am Abend. Lex und Urs sind Grafiker in Zürich und nutzen ihren wöchigen Aufenthalt in Tallinn, einen Workshop an der Kunstakademie zu leiten. Die Aufgabe, die sie den Studierenden stellen, ist anspruchsvoll und bringt viel Recherchierarbeit mit sich. Die Schweiz ist kaum sichtbar und eine Botschaft als erste Anlaufstelle exisitiert nicht in Estland. Dafür eben das Schweizer Lesezimmer.

31 Oktober 2007

ROOTSI? Das Bild der Schweiz in Estland

Erstaunlich, ich dachte bis vor kurzem, dass es vorwiegend US-Amerikaner sind, die Schweiz mit Schweden verwechseln. Ein Gang auf das Hauptpostamt in Tallinn hätte genügt, denn die mit "Switzerland" adressierte Post wird mit der Briefmarke für "Rootsi" (Schweden) versehen.
Dagegen ist aus Kundensicht nichts einzuwenden, bekomme ich so einen günstigeren Preis. Vielleicht sagt es auch mehr über die Weltläufigkeit von Postangestellten aus als über das Image der Schweiz. Aber es ist schon erstaunlich, inwieweit die wahrnehmbaren Ereignisse ein punktuelles, inkohärentes und einseitiges Bild repräsentieren. Das mag mit den institutionellen Kanälen zu tun haben, welche die Events und Darstellungen vor Ort beliefern.
Im Schweizer Lesesaal der Nationalbibliothek finden sich unter den aktuellen Publikationen die einmal in der Woche eintreffenden "Schweizer Illustrierte", "Neue Zürcher Zeitung" und die "Weltwoche". Die Anlässe, die regelmässig durch das fleissige Bibliotheksteam durchgeführt werden, basieren auf Einladungen der zuständigen Botschaft in Helsinki und zuweilen durch die Stockholmer Vertretung. Neben Autorenlesungen finden auch fachliche Vorträge wie zum Beispiel zur Bauernhausarchitektur statt. Tatsache ist, dass diese Agenda meist aufgrund von persönlichen Präferenzen zustande kommt. Von höchster diplomatischer Stelle habe ich Sätze vernommen, dass Estland nur durch die Beherrschung der deutschen Sprache seine eigene Identität findet. An der gleichen Veranstaltung, die der Promotion der deutschen Sprache und der Bildungssysteme diente, wiesen die deutsche und die östereichische Vertreterin nüchtern auf das vielseitige Studieren in ihre Ländern hin.
Aussen vor bleibt die Kulturaussenpolitik. Pro Helvetia veranstaltet zurzeit eine kleine gutdotierte Vortragsreihe und eine schmucke Ausstellung zum Schweizer Design. Aus den offiziellen Vertriebskanälen wurde davon aber nichts bekannt.

28 September 2007

Sõitma rongiga (mit dem Zug fahren)

Wieder einmal eine besondere Situation im Land, das eine nachkriegsähnliche Verkehrsinfrastruktur neben übermodernen Kommunikationsnetzen kennt. Ich warte auf den Schaffner, der mir das Passwort für das drahtlose Netzwerk „1. Klasse“ mitteilen sollte. Genau Schaffner, Kondukteur, der im Zug. Keine Ahnung, was momentan der Stand der Dinge bei den SBB ist, was den mobilen Internetzugang in ihren Zügen angeht. Da könnte ich sicher meinen Bruder damit nerven. Bis ich eine zufriedenstellende Auskunft bekomme, fahre ich erst einmal durch die herbstlichen Bäumerreihen in fetten Ledersesseln (haben sie dafür die First-Class der Swissair-Flugzeuge ausgeweidet?).
Die Prioritäten werden hier anders gesetzt, obwohl ich mich gerade frage, ob überhaupt Prioritäten aktiv gesetzt werden. Neben diesem grossartigen Angebot beim Rollmaterial und dem eilfertigen Service, werden klare Abstriche bei der Infrastruktur gemacht. Es holpert wie kürzlich in Rumänien und das untere Bild beweist: Es gibt für Estlands zweitgrösste Stadt kein Bahnhofsgebäude. (Fairerweise muss man sagen, dass mein Reiseführer berichtet, dass dieses im Herbst 2006 abgebrannt ist.)
Sowieso diese starke Verknüpfung von Höchstleistungen bei den Anwendungen und der miserablen Versorgungslage in einigen Kernbereichen, kriegt schnell eine satirische Seite. Ein dänischer Doktorand, der seit 8 Jahren in Estland lebt, verdeutlichte mir gestern, warum der vorwiegend von Russen bewohnte Nordosten Estlands nicht an Russland abgegeben wird (neben natürlich vierlei anderen Gründen): Mit dem plötzlichen Wegfall der energieproduzierenden Gebiete (Ölschiffer) könnte das virtuelle Estland nicht mehr existieren. Mit dem Schlagwort E-Stonia ist gemeint, dass die meisten und wichtigsten politischen Angelegenheiten via dem Internet erledigt werden. (Natürlich wählt man online seine Abgeordneten – und nicht nur auf Gemeindeebene, liebe Schweizer Behörden).
Wie wir uns in Windeseile gegen Tallinn bewegen, kommt der Schaffner einfach nicht mit dem Passwort fürs W-Lan an mir vorbei.


Der Hauptbahnhof der Universitätsstadt Tartu


1. Klasse reisen und nur 2 Franken mehr bezahlen


Weiche Recherchierplätze

Die Ankunft im Talliner Bahnhof ist ein bisschen imposanter als beim aus der Sowjetzeit geretteten Busbahnhof.


Unser Vordermann

23 September 2007

Excursion to Pirita

The autumn started here in Tallinn long ago. But in honour of its beginning, an impression of the most central park.



I liked it a lot to stand inside the ruins of the old monastery in Pirita. As an architect, I would erect such a building for cultural venues. The feeling is monumental.


Pirita, the seaside resort of Tallinn, provides a marvellous view to the inner-city. On the left one can see the hotel and bank towers which are followed to the right by the churches of the medieval old town.


To some people, an untouched seashore is just boring, presumably...


I passed the Chinese embassy on my way back. This is from their show screen.

21 September 2007

The Swiss seen from abroad

Since I found out in Budapest that making connections to Swiss institutions means another way of fruitful contacts, I also follow this track here in Estonia. The first contact was an already set one: I was assumed to work in the Swiss reading room of the national library. It is still a fortress of Matterhorn and Basel-Rhine-with-cathedrale-posters and red mouse pads with white crosses on it, but in earlier times its looks were even more spooky. The librarians were told to use only red pens and pencils. Luckily, that printing paper was by its nature white. Nowadays it still looks like a fair stand of OSEC, the Swiss export-concerning organisation. In the middle of the glas dividers a red ribbon with white crosses is prominently displayed (danke Leo für die Übersetzung).
I have the honour to attend the opening of the second Swiss reading room in the university city Tartu. I have kept happy memories of the receptions of the Swiss embassy in Budapest, so I am looking forward to more such things.
Germans also still try to invade Switzerland. Under the students' section in the well-received website of political weekly Spiegel (danke Judith) you can check if you understand Swiss terms. Well done! And what do they want to tell us with that in the bottom line?

08 September 2007

Recycling

Es gibt einige Sachen, die fallen einen nach einer Woche auf und ein, wenn man sich angeschickt hat, in einem fremden Land zu leben. Dazu gehört sicher das Abwallwesen und die Wiederverwertung. Nach etwa einer Woche haben sich genügend Hausabfälle angesammelt, dass man die gerne leeren würde. Zudem gilt es Behältnisse unserer Industriekultur zurückzugeben, die irgendwer mal irgendwann mal als rückführbar definiert hat.
Ob meine lieben ausländischen Mitbewohner in Zürichs WG oder ich selbst in Budapest oder jetzt in Tallinn, Informationen darüber, was ein Zürisack ist oder wieviel Pfand eine estnische PET-Flasche hat, tröpfeln langsam auf einen ein oder sickern derart zu einem durch.
Wo ich mich sonst schwer tue, verschiedene Systeme miteinander zu vergleichen und vor allem dann mit Werten zu belegen, das schaffe ich dann beim Abfallwesen. Ich werde zum Chefempiriker des Fortschmeissens und zum Comparative Advisor of Waste Products.
Es ist doch erstaunlich, wie sehr in der Schweiz dass Abfall- und Recyclingwesen wie von der Zauberhand funktioniert. Wir alle sind fleissig, nehmen uns in die Pflicht und erinnern uns an Sammeltage (vielleicht auch erst an den übernachsten, aber immerhin). Es braucht nicht mal eine monetäre Vorbelastung auf Flaschen und Büchsen, wir bringen sie allesamt zurück.
Das Schweizer System der freiwilligen Selbstorganisation wollten die lokalen Autoritäten auch in Budapest durchbringen. Doch die Sammelstellen für Glas, Karton, PET und Büchsen blieben meist leer. Warum sollte man sich auf den Weg zu einer komischen öffentlichen Wegwerfaktion machen, wenn zuhause der kostenlose Abfallsack genügend Volumen hat? Wieder einmal ein Beispiel einer versuchten und missglückten Übersetzung eines Instruments von einer Kultur in die andere.
Die ungarischen Behörden hätten nach Estland schauen sollen. Dort wird auf dem Hintergrund des Rational-Choice-Gedankens eine für alle Seiten zufriedenstellende Recycling-Situation geschaffen. Hier sind die Flaschen und Büchsen, ebenso jene aus PET, mit einem geringen Pfand von 5 Rappen versehen. Das heisst zwar, dass alle die Behälter in den nächsten Mülleimer werfen. Wo sie aber, weil der Müllmann nicht täglich kommt, von Obdachlosen aufgespürt und zur zentralen Rückgabestelle gebracht werden. Ihnen ist ein kleiner Zustupf sicher und die erwerbstätigen Leute müssen sich nicht an eine aufgezwungene kulturelle Änderung ihres Wegwerfverhaltens gewöhnen.
Nur warum soll man es den Bedürftigen schwer machen und sie nicht auch des entwürdigenden Durchwühlens befreien? Sobald ich jemanden in der Nähe meiner Wohnung erblicke, der Container durchwühlt, hole ich meine paar Leergüter aus der Wohnung und übergebe sie direkt meiner Entsorgungspartnerin. Der wahrscheinlich einfachste und umkomplizierteste Weg im Gesamten für alle. Sprich für Rational-Choice-Theoretiker: Ein stabiles Nash-Gleichgewicht.

Ich bin neugierig auf Leser-Kommentare zu diesem Gegenstand. Bitte Senf dazugeben.

29 August 2007

Odysseus in Nordeuropa

Griechische Mythenforscher werden mir sicher widersprechen. Odysseus habe sich nie ausserhalb des östlichen Mittelmeers bewegt. Godard-Kenner erkennen immerhin die Reichweite seiner Reisen in die nähere Gegenwart und in die französisch-italienische Sphäre an („Le mépris“). Doch noch niemand hat vom Konzept des nordwärts strebenden und dort ebenso umherirrenden Odysseus gehört. Diese Fährte habe ich heute aufgenommen.

Mein Verschiffungshafen: Zürich-Kloten, meine Ägäis: der offene Luftraum. Im Nachhinein als ironischer Seitenhieb mag gelten, dass ich mich noch früh morgens vom letzten Gefährten am Flughafen in Schnelle mit der Begründung verabschiedete, dass ich rechtzeitig zum Boarding am Gate sein wollte. Die Wartezeit zog sich bereits nach dessen Erreichen ziemlich hin. Schliesslich empfing uns ein jovialer Flugkapitän an Bord der Air-Berlin Maschine nach Hamburg.

Zum Drama gehört, dass der Held seine gewünschte Erfüllung beinahe erreicht – sie fast spüren kann; und am Ende doch scheitert. Will heissen, nach der Vorführung des Immanenten – alle diese langweiligen Prozedere, denen wir keine Beachtung schenken, doch die uns in unserer um so gegnerisch eingestellteren Welt beruhigen (Sicherheitsvideo, Worte des Kapitäns, prüfende Blicke der Flight Attendants) – eben danach, liess uns die Realität im entscheidenden Moment in Stich. Die Maschine gab Gas, wollte sich bereits gegen Himmel erheben, und blockte, bremste abrupt, und Schluss. Start abgebrochen. 1. Reise beendet.

Szenenwechsel: Air-Berlin Schalter am Check-In des Zürcher Flughafens. Geschäftsleute und Hamburger drängten sich um das kleine Eck. Durch den Lärm einer nahen Baustelle (interessanter Nebenakteur) beeinträchigt, waren die Ausrufe der zwei tapferen Angestellten kaum zu verstehen. Doch es ging knallhart um deren Angebote (Umbuchung auf nächsten Flug oder einen danach), deren sich vorwärtslehnende und Hände mit Zetteln hinaufschnellende Nachfrager entgegenstellten. Ach eine schöne, altmodische Börse war hier zu beobachten. Informationsmangel („Was hat die Dame genau gefragt?“), Entscheidungssärke („Ja, ich nehm diesen Flieger“) und Rational-Choice-Ansätze (späteren Flug oder Hotelumbuchung?) unter den Marktteilnehmern waren idealtypisch zu studieren.

Ich als in erster Linie nicht Hamburg-Interessierter hielt mich vom Geschehen fern, wäre es doch nur mein Zustiegsplatz für einen günstigen Estonian Air-Flug nach Tallinn gewesen. Wenn Personen nur beschränkt herumtransportiert werden können, so waren immerhin die Daten mobil. Eine an der Internetstation in der Abflugshalle erfolgte Ersatzbuchung wurde zehn Minuten später beim Check-in nicht im geringsten hinterfragt, sondern ich wurde souverän als weiss-nicht-wie-lange exisitierender Kunde behandelt.

Schön zügig gings voran, und flugs sass ich schon im nächsten Flieger (mittlerweile war es 13 Uhr) nach Helsinki. Keine Sorge, Odysseus’ Versuche prompt von den bellenden Hunden wegzukommen, blieben deren. Plus eine weitere Stunde auf dem Rollfeld. Pünktlich mit einer Stunde Verspätung kam der moderne Grieche auch in Helsinki an (17:30 Ortszeit). Die Stadt bekam die undankbare Rolle einer blossen Durchgangsstation verschrieben. Die halbstündige Busfahrt vom Flughafen endete am trutzigen Bahnhof, wo ich an der Touristeninformation mit einer falschen Fährterminalangabe auf die weitere Reise geschickt wurde. Doch der Transfer zur Nachbarbucht glückte, wo ich gerade 15 Minuten vor Einschiffung eintraf.

Mittlerweile sitze ich auf einem stark schwankenden Tragflügelboot Richtung Tallinn, kreuzende Seegiganten in Sichtweite sowie die heruntergehende Sonne am Horizont. Ein gutes Omen für eine wunderbare Rückkehr nach Estland!


Zum Thema: 2001 A Space Odyssey, neu gesprochene Fassung. Hier anschauen



22 August 2007

Intermezzo in the Swiss mountains

(Quelle: Sigrun)

Now is the perfect time for preparing the underlying contents for my oncoming study to be placed in Estonia. I returned back to Davos where I was invited to stay in one of the most pleasent housing opportunities. It is the former residence of the doctors who practised in the nearby sanatorium (Thurgauer Schaffhauser Höhenklinik). Readers of Thomas Mann's novels would find here their magic mountain. 100 meters above valley level, six people share now this beautiful spacious home, because the sanatorium had to close two years ago. The doctors' house is one of the few possibilities for young people to live economically. To stay in a single-room appartment in Davos leaves you with the same costs than in flats-lacking Zurich. The other problem is the cyclicality of the paramount tourism industry: Many people in the service sector only work here during the winter. The house inmates represent the other, constant side of a town that counts 13'000 inhabitants. All of them are engaged in the medical field in the broader sense. Hospital nurses, surveillant in the production of plastic bones (for medical training) or illustrator of hand operations to be published on the web. Discussions will end up sooner or later into hospital stories. As a guest of the house, then is the time of withdraw yourself from the gossipish company.

27 Juli 2007

In the middle of Nordic depression

So, this is a premiere. Having survived Budapest courtyards' bars and having lost my most precious appartment on the 16th floor, I find myself on the edge of our continent. I am happy to welcome new English-speaking readers, because despite of the strongest efforts of German speakers in the CEU, the official language was kept to be English. On this occasion I want to thank all of you who were there on the last night in Budapest, the ones that could not come and also the others that I had met during these 8 months, for having increasingly intensive time with each other.

Well, after the sunshine, there doesn't need to be always rain. But the weather here in the Baltic states quite represents my state of mind on these days. Question be if the weather is maybe the determining factor for my mood, but that sounds too easy to me.



So, I am looking forward to come back to Switzerland soon, and I bet that there will be a nice, relaxing summertime.

14 Juni 2007

Kulinarische Tipps

Ich bin fremdgegangen... mein Beitrag auf Wurst und Durst zu günstigen Verpflegungsorten in der Innenstadt

03 Juni 2007

Ostkorrespondent verlegt Platz

Wieder mal eine Ankündigung in eigener Sache.
Ich werde noch bis 8. Juli fest in Budapest sein. In der Woche darauf (9.-14. Juli) ist ein Aufenthalt in Belgrad eingeplant. Vom 15. Juli bis ca. zum 5. August bin ich an einem Estnisch-Sprachkurs in Tallinn. Darauf habe ich vor, einige Wochen in der Schweiz oder sonstwo als Ferien zu verbringen, bis ich ungefähr im September mit einem Forschungsaufenthalt von 3 Monaten in Estland die Spuren wieder aufnehme.
Für Budapest-Besuche ist mein Heim offen, einfach mich kontaktieren.

Die Allzweckwiese

Ich war heute wieder auf der grossen Stadtparkwiese, das erste Mal seit dem Polizeifestival. Wieder dröhnten die Lautsprecher, was mich doch geradezu wieder anzog. Als erstes erkennbar waren improvisierte Volleyballfelder, die jedoch nur sporadisch benutzt werden. Es handelte sich also nicht um eines dieser grossen Openair-Volleyballturniere, die in der Schweiz und Frankreich so populär sind. Dann kamen die ersten Zelteinheiten, die irgendwas anboten. Da die anbietenden Leute in den Zelten eher gelangweiligt und abwartend aussahen, wurde mir klar, dass keine Waren verkauft, sondern Informationen auf Wunsch ausgegeben wurden. A la billiger Heinrich fanden sich hier Vertreter von Massagen, Lichttherapiegräten, Facial creams, Schlammpackungen usw. Aha, eine Gesundheitsmesse im Festbeizoutfit. Denn vorne war wieder eine Riesenbühne aufgebaut mit einem erkennbaren Motto darübergespannt: "Egezsegvaros" - die Gesundheitsstadt. Hinter mir wurde im Schatten der Festbänke eine Grossleinwand mit unzusammenhängenden Inhalt bespielt. Doch typisch Ungarn, bald deklarierte dort ein wohl anständiger und bewusster Ehrmann vor einer Naturkulisse die Vorzüge des Gesundseins - wohl.
Ich hatte dann doch langsam das Interesse verloren, so dass ich nicht mehr dazu kam, die Veranstaltung auf die innere Kohärenz zu überprüfen, ob zwischen Gesundheitsbällen und lustigen Motormobilen auch Bier bewirtschaftet wurde.

22 April 2007

Kate kocht indisch

Vorbereitungen und Probierungen von indischen Gerichten mit Kate (CEU, Topf-Koordinatorin) und Laura (CEU, Bilder)





04 April 2007

Ein Tag in Ljubljana

Abfahrt im Vorortsbahnhof in Budapest. Vor mir: 8 1/2 Stunden Zugfahrt.


Der Ein-Frau-Pressebetrieb hält sich fest in den öffentlichen Plätzen Budapests


Ljubljanas Hausarchitekt Plečnik nimmt auch Einfluss aufs Fast-Food-Wesen der Stadt


Auf dem Platz der Republik findet sich in ein - sagen wir mal - Providurium-ähnliches Gebäude. Oder sind das Kriegsruinen? Statt einem vielbesuchten Coop-Laden findet sich hier die Schweizer Botschaft.


Folgende drei: Impressionen aus dem verloren wirkenden Konferenzzentrum, ebenfalls auf dem Platz der Republik









Diesmal Plečniks Werk live...
...natürlich das Dreieck im Vordergrund


Für Gothic-Freunde

27 März 2007

Hoch über der Stadt (Umzug vollbracht)

Tätäää. Ich habe es geschafft. Es gab schlussendlich doch viel mehr Material zum Zügeln, als ich gedacht habe. Jetzt bin ich saufroh und geniesse die länger anhaltenden Sonnenstunden im neuen Heim. Ist schon umwerfend was ich von hier oben, heute um 7 Uhr in der Früh, betrachten konnte.